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Erster Weltkrieg: Wo Frankreich den Schlieffen-Plan durchkreuzte
Europa gerät gerade aus den Fugen, da ist es keine schlechte Idee, sich kurz zu vergewissern, wofür dieses Europa eigentlich steht. Und wie die Welt aussah, als es dieses Europa noch nicht gab. Wer der Frage nachgehen will, fährt am besten nach Meaux, eine blass-vernebelte Stadt 50 Kilometer östlich von Paris, dessen größte Attraktion bis vor acht Tagen die Kia-Filiale war.
Jetzt hat Meaux eine neue Sehenswürdigkeit, am 11. November, dem Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges, eröffnete Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy das Musée de la Grande Guerre – eine wuchtige Blechschachtel, die der Architekt Christophe Lab auf die Rübenäcker gesetzt hat. Der Bau ruht mit seiner porösen, kettenhemdartigen Metallfassade auf zwei massiven Stelen und schmiegt sich dennoch sachte in die hügelige Landschaft.
Blick in den Schützengraben
Gelungen ist auch das in die Betonplatten vor dem Eingang eingelassene, angedeutete Panorama des Kriegsschauplatzes, auf das Filmprojektionen geworfen werden. Wendet man den Blick nach oben unter das ausladende Vordach, schaut man durch ein Fenster direkt in einen Schützengraben.
Auf der Höhe hinter dem Museum prangt ein schwulstiges Kriegsdenkmal, das die Amerikaner 1932 den Franzosen zur Erinnerung an gemeinsame Kämpfe daließen. Hier vor den Toren von Meaux tobte Anfang September 1914 die erste Marne-Schlacht. Hier brachten französische und britische Truppen gemeinsam den deutschen Schlieffen-Plan zum Scheitern – und der kaum begonnene Krieg verwandelte sich in jenen wahnwitzigen Grabenkampf, der vier quälende Jahre lang bis dahin unvorstellbare Menschen- und Materialmengen vernichtete. Am Ende war Europa verbrannt, eine Generation geopfert und die Saat für den nächsten Krieg gelegt.
Meaux ist also ein trefflicher Ort für ein Museum, das an die Entstehung des Wahnsinns erinnert. Der Bau öffnet seine Tore zu einem Zeitpunkt, wo eine Neudefinition der Erinnerungspolitik an den Gründungskonflikt des 20. Jahrhunderts ansteht. Lebende Zeugen dieses Konfliktes gibt es nicht mehr, in Frankreich starben die letzten beiden „Poilus“ – wie die französischen Soldaten genannt wurden – im Jahr 2008, beide 108 Jahre alt. Der letzte deutsche Veteran starb ebenfalls 2008, er war 107.
In kaum drei Jahren, Sarkozy wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, werden wir zum 100. Jubiläum des Kriegsausbruchs von einer massiven Erinnerungsmarktoffensive überrollt werden. Angesichts dieser Aussicht hat es etwas Rührendes, dass das Musée de la Grande Guerre auf die Sammelleidenschaft eines einzelnen Mannes zurückgeht: Der Fotograf Jean-Pierre Verney, heute 65 Jahre alt, begann schon als Kind sich für den „Großen Krieg“ zu interessieren, an dem sein Großvater teilgenommen hatte.
20.000 Objekte, 30.000 Dokumente
Mit 14 Jahren bekam er sein erstes Buch. Nach seiner Militärzeit begann er zu sammeln: Bücher, Schulfibeln, Plakate, Sammeltassen, Uniformen, Klappspaten, Waffen, Gasmasken, Fliegerpfeile, Geschosshülsen, Prothesen und Handgranatenmodelle, die dann im Laufe der Kriegshandlungen immer raffinierter und effizienter wurden.
Die Geschichte dieses Krieges, das ist eine der Erkenntnisse, die sich an Verneys Sammlung ablesen lässt, ist eine Geschichte der rapiden Beschleunigung der industriellen Kriegstechnik. Es war ein Krieg, der mit Pferden, Keulen und Bajonetten begann und vier Jahre später mit Panzern und Flugzeugen endete. Verneys Sammlung wuchs in Jahrzehnten auf über 20.000 Objekte und 30.000 Dokumente. Er wusste nicht mehr, wohin mit ihr.
Zum 90. Jubiläum der Marne-Schlacht schlug er 2004 dem Bürgermeister von Meaux, Jean-François Copé, eine Ausstellung vor. Copé, im Hauptberuf Generalsekretär der Regierungspartei UMP und ambitionierter Aspirant auf die Sarkozy-Nachfolge ab 2017, erkannte die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und zugleich seiner politischen Heimat einen Dienst zu erweisen. Für 600.000 Euro kaufte er Verney die Sammlung ab, weitere 28 Millionen trieb er auf, um das Museum zu errichten.
Unter der wissenschaftlichen Leitung des Historikers Marc Ferro begann man 2006 mit der Konzeption der Ausstellung. Dabei herausgekommen ist ein Parcours mit 13 zeitlichen Etappen und zehn Themenschwerpunkten: Der Besucher beginnt im geistigen Klima der Vorkriegszeit, in der sich der im Krieg von 1870/71 geborene Revanchismus auf preußenfeindlichen Senftöpfchen ebenso niederschlägt wie in Schulfibeln.
Weniger wäre manchmal mehr gewesen
Diverse Filmbeiträge und Texttafeln zeichnen in der Folge den Weg von Sarajewo über die totale Mobilmachung, den Grabenkampf, die industrielle Beschleunigung des Krieges, die Ausdehnung zum Weltkrieg und schließlich über den Waffenstillstand 1918 bis zu den Versailler Verträgen nach. Die chronologische Erzählung wird ergänzt und unterbrochen durch thematische Nischen, in denen es etwa um das technisch „Neue“ an diesem Krieg geht, den „Alltag im Schützengraben“, „Körper und Leiden“ oder die Rolle der Frauen in den Kriegsgesellschaften.
Marc Ferro hat die Gefahr erkannt, die darin bestand, in der schieren Menge der ausstellbaren Objekte den Überblick zu verlieren. Ganz bannen konnten die Ausstellungsmacher sie jedoch nicht. Gerade in den thematischen Nischen wäre eine weitere Konzentration auf weniger, aussagekräftigere Objekte wünschenswert gewesen. Dass ein Fliegerpfeil eine Waffe ist, die völlig archaisch und zugleich radikal modern ist, lässt sich mit einem einzelnen besser zeigen als mit zehn, die nebeneinander in der Vitrine hängen. Ähnliches gilt für die Körperprothesen, deren didaktische Wirkung sich erhöhen ließe, wenn man anhand ihrer auch die Geschichten ihrer Träger erzählen würde.
Etwas unglücklich wirkt sich die Entscheidung aus, in der Halle des Museums unter einem an der Decke baumelnden Flugzeug und einem geparkten Brieftaubenlastwagen, mehr oder minder gefechtsgetreue Nachbauten eines deutschen und eines französischen Schützengrabens zu quetschen. Mehr als Abenteuerspielplatz-Aura strahlen diese nicht aus, auch der Gefechtslärm vom Band sorgt hier weder für Erkenntnisgewinn noch für wohligen Schauder.
Die hier verbauten Ressourcen hätten besser genutzt werden können, um die grundsätzlich interessante These, welche die Ausstellung durchzieht, deutlicher herauszuarbeiten: Wie eine europäische Gesellschaft die den Ritualen des 19. Jahrhunderts verhaftet war, in bunten Uniformen mit Federbüscheln am Helm singend in den Krieg zog, und in ihm die zermalmende Macht der Technik des 20. Jahrhunderts kennenlernte.
Wer diesen Krieg überlebte, ging bestenfalls traumatisiert in Tarnkleidung aus ihm hervor, schlimmstenfalls als prothesengestützte Menschmaschine mit zerschossenem Gesicht. Trotz einiger Schwächen in der Konzeption lohnt sich der Besuch, und es ist das Verdienst des Musée de la Grande Guerre, dass es eindringlich daran erinnert, das ein friedliches Europa ein fragiles Gebilde ist – und ein ziemlich großer zivilisatorischer Fortschritt.
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| Kategorie: Meine Artikel | Hinzugefügt von: Figulin (21.11.2011)
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