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Libyen: Das betrogene Volk erobert die Paläste des Regimes
Bis in den späten Vormittag liegt Tripolis im Tiefschlaf. Die Straßen sind verwaist, selbst auf dem Grünen Platz im Zentrum der libyschen Hauptstadt ist kaum jemand unterwegs. Im muslimischen Fastenmonat Ramadan bleibt man bis in die frühen Morgenstunden auf, sitzt mit Familie und Freunden zusammen, isst und trinkt. Das alles ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang tabu.
Aber natürlich haben die Bewohner von Tripolis auch etwas Besonderes zu feiern: Nach 42 Jahren Gaddafi-Diktatur sind sie endlich frei. Die Angst der letzten Tage ist von ihnen gewichen, als die Rebellen die Stadt eroberten und noch unklar war, ob es nicht eine schreckliche Gegenoffensive von Gaddafi-Truppen geben würde. Doch nun kontrollieren die Rebellen die Hauptstadt und die letzten großen Kämpfe mit Loyalisten des Diktators sind verstummt.
Am späten Abend nach dem Iftar, dem Fastbrechen, fahren jubelnde Libyer in Autokonvois durch die Stadt, Kämpfer schießen im Freudentaumel mit ihren Maschinenpistolen Marke AK-47 Kalaschnikow in den Himmel. Alle preisen dazu unaufhörlich Gott: „Allahu Akbar, Allahu Akbar – Gott ist größer!“ Lärm und Getöse ist überall in der Stadt zu hören, bis die Sonne aufgeht.
"Nur die Kämpfer sind auf ihrem Posten"
„Jetzt liegen sie alle in den Federn, diese jungen Leute, die durchgefeiert haben“, sagt Mohammed Bodegaga schmunzelnd. „Nur die Kämpfer sind auf ihrem Posten und bewachen ihren Schlaf.“ Der 68-Jährige ist am Morgen im Umfeld des Grünen Platzes unterwegs, der von leeren Patronenhülsen und Müll übersäht ist. Bereits seit einer Stunde ist er auf der Suche nach einem Geschäft, das geöffnet hat und in dem er sein Mobiltelefon aufladen kann. „Ich muss nur eine einzige Karte für fünf Dinar finden“, erklärt er fast verzweifelt, „damit ich das Guthaben von 80 Dinar aktivieren kann, das die Regierung jedem spendiert hat.“
Als der schlaksige dünne Mann, der sich als der libysche Don Quijote vorstellt, bei seiner Suche die Omar-al-Muchtar-Straße hinaufläuft, erzählt er, wie glücklich er über das Ende des „Bruders Oberst“ Muammar al-Gaddafi sei. Nun könne er endlich an dem Punkt seines Lebens weitermachen, an dem es der Diktator zerbrochen hatte.
Bodegaga arbeitete als Regisseur beim libyschen Fernsehen, als sich Gaddafi 1969 an die Macht putschte. Seine 45-minütige Sendung hieß „Die Freiheit des Wortes“. „Wir benutzten eine versteckte Kamera, um Doppelmoral zu entlarven“, erzählt er begeistert, als wäre es erst gestern gewesen. „Wir zeigten die Libyer, wie vulgär sie sich in heimischen Kinos benahmen und wie vornehm aufgeblasen an Orten mit Ausländern, von denen es damals sehr viele gab.“
Nach der sechsten Folge seiner Sendung begann die Zensur und Bodegaga gab 1972 aus Protest seinen Job auf. Er ging nach Deutschland und versuchte sich vergeblich als Fernsehjournalist beim Norddeutschen Rundfunk. „Ich ging wieder zurück nach Libyen, aber das Regime hat mich nie mehr richtig Fuß fassen lassen. Ich konnte mich all die Jahre nur mit Gelegenheitsjobs gerade so über Wasser halten.“
2006 musste Bodegaga für acht Monate ins Gefängnis, nachdem man bei einer Kontrolle Material der libyschen Opposition gefunden hatte, das er sich aus dem Internet besorgt hatte. „Ich hatte noch Glück und kam nach acht Monaten frei. Andere saßen da ihr ganzes Leben lang.“ Jetzt sei aber alles vorbei und Bodegaga will eine zweite Chance – nach 39 Jahren, die ihm Gaddafi gestohlen hat. „Ich werde meine Sendung wieder starten“, sagt er überzeugt.
"Gaddafi wollte, dass alle so denken wie er“
Auf dem Weg in die Altstadt treffen wir einen seiner alten Freunde: Saleh Sharif. Er führt seit 1957 direkt am Grünen Platz die Buchhandlung „al-Fikr“ (Der Geist/Verstand). „Die 42 Jahre in der Diktatur waren schrecklich. Das dunkle Zeitalter Libyens“, meint er ernst. Der Anfang vom Ende habe 1973 mit der kulturellen Revolution begonnen, als der verrückte Gaddafi China kopieren wollte. „Mao schrieb das rote Buch, Gaddafi das grüne. Alle anderen wurden eingesammelt und zusammen mit Musikinstrumenten, die Gaddafi hasste, öffentlich auf dem Grünen Platz verbrannt. Meine Buchhandlung war völlig ausgeräumt worden.“
Der Ärger darüber ist Sharif noch heute deutlich anzusehen. „Gaddafi wollte, dass alle so denken wie er“, fügt er an. „Stellen Sie sich vor, die Libyer mussten alle die gleiche Kleidung tragen. Variationen in Farbe oder Stil wurden einfach nicht produziert.“ Wie größenwahnsinnig Gaddafi gewesen sei, könne man noch heute am Grünen Platz sehen. Dort steht ein riesiges gelbes Stahlgerüst, fast 20 Meter hoch, das sich über den etwa 300 Meter langen Platz erstreckt. „Zum Beginn des 43.Jahres seiner Regentschaft wollte Gaddafi das größte Poster der Welt von sich dort anbringen. Aber wir haben Gaddafi seine Show völlig vermasselt“, sagt der 76-jährige Buchhändler.
Er glaubt an eine rosige Zukunft seines Landes. „Libyen wird der demokratischste Staat der arabischen Welt, ein Beispiel für alle anderen.“ Ohne Gaddafi und seine Schergen, die das Land nur ausgeplündert haben, bliebe endlich auch etwas für das Volk, für Schulen, Universitäten und medizinische Versorgung übrig. „Sehen Sie sich doch einmal an, wie die Leute gelebt haben. Sie müssen nur nach Noflin und Gargour fahren, das ist nicht weit von hier.“
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Diese beiden Stadtteile im Westen von Tripolis sind keine zehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Es ist eine Fahrt durch gespenstische Wohnviertel, die verlassen sind und in denen eine Ruhe herrscht, die nervös macht. An unzähligen Autowracks, ausgebrannten Eisentonnen, Müllhalden und Stacheldrahtgewirr vorbei. Benahe alle 100 Meter steht ein Checkpoint der Rebellen, die jedes Auto nach Waffen durchsuchen. Schließlich kommen wir der Zone näher, in der die Vertreter des alten Regimes residierten und wo immer wieder Scharfschützen wie aus dem Nichts auftauchen und auf die Rebellen schießen.
Vor dem Haus der Gaddafi-Tochter Aischa stehen zehn Wachposten, einer hinter einer hohen Wand aus Sandsäcken mitten auf der Straße – eine Maschinengewehrstellung. Keinen Moment lässt der Rebell im roten T-Shirt mit Baseballkappe seine Waffe aus der Hand. „Erst vor Kurzem sind wir von einem Scharfschützen beschossen worden“, versichert er mit ernstem Gesicht. „Die miesen Kerle kriechen hier noch immer herum.“ Aischas Haus ist von einer Mauer umgeben. Ein riesiges Anwesen mit großem Baumbestand. Im Garten ein Swimmingpool, in dem nach der Eroberung von Tripolis Rebellen-Kinder ins Wasser springen durften.
Die Fahrt geht weiter am Fünf-Sterne-Hotel „Rixos“ vorbei nach Gargour. Hier wohnten die hohen Beamten des Regimes. Auf den ersten Blick erkennt man ein exklusives Villenviertel. Vor einem der Häuser steht einsam ein Luxus-Geländewagen der Marke Hummer. Die Türen stehen weit auf, auf der rechten Seite klaffen zehn Einschusslöcher im schwarzen Lack. Jemand hat vergeblich versucht, den Wagen kurzzuschließen.
Nach dem Einmarsch der libyschen Rebellen in die Hauptstadt Tripolis ist die Herrschaft von Muammar al-Gaddafi vorbei.
Die wichtigsten Daten des Aufstandes in dem nordafrikanischen Land und des internationalen Militäreinsatzes gegen Gaddafi im Überblick:
FEBRUAR 15.: Beginn der Proteste gegen Gaddafi, die in Bengasi und El Baida gewaltsam niedergeschlagen werden, sich aber bald auf andere Städte ausdehnen. 22.: Gaddafis Justizminister Mustafa Abdel Dschalil und Innenminister Abdel Fatah Junes schließen sich den Aufständischen an. 23.: Der Osten Libyens von der ägyptischen Grenze bis nach Adschdabija ist in der Hand der Rebellen. 28.: Nach den USA verhängt auch die EU Sanktionen gegen die Regierung Gaddafis.
MÄRZ 10.: Frankreich erkennt als erstes Land den Nationalen Übergangsrat der Rebellen als „einzige Vertretung Libyens" an. 17.: Angesichts der drohenden Einnahme der Rebellenhochburg Bengasi erlaubt der UN-Sicherheitsrat zum Schutz der Zivilbevölkerung den Einsatz von Gewalt. Deutschland enthält sich bei der Abstimmung. 18.: Eine Koalition unter Führung von Frankreich, Großbritannien und den USA beginnt mit Luftangriffen. 31.: Die Nato übernimmt das Kommando des Libyen-Einsatzes.
APRIL 13.: Die Libyen-Kontaktgruppe, in der alle am Militäreinsatz beteiligten Staaten vertreten sind, fordert den Rücktritt Gaddafis. 20.: Nach Großbritannien entsenden auch Frankreich und Italien Militärberater zu den Rebellen. Die Front stablisiert sich zwischen Brega und Adschdabija.
MAI 1.: Gaddafis jüngster Sohn Saif al-Arab und drei seiner Enkelkinder werden bei einem Nato-Luftangriff in Tripolis getötet. 11.: Nach einer zweimonatigen Belagerung nehmen die Rebellen den Flughafen der Hafenstadt Misrata ein und durchbrechen damit die Belagerung.
JUNI 27.: Der Internationale Strafgerichtshof erlässt Haftbefehle gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und Geheimdienstchef Abdallah al-Senussi. 29.: Frankreich erklärt, Waffen für die Rebellen in den Nefussa-Bergen im Westen des Landes abgeworfen zu haben.
JULI 15.: Die Libyen-Kontaktgruppe erkennt den Übergangsrat der Rebellen als die „einzige legitime Regierung" des Landes an.
AUGUST 9.: Die Gaddafi-Regierung wirft der Nato vor, bei einem Luftangriff auf Sliten 85 Zivilisten getötet zu haben. Die Nato weist dies zurück. 17.: Der Übergangsrat stellt einen Zeitplan für die Übergabe der Macht an eine demokratische Regierung nach dem Sturz Gaddafis vor. 19.: Nach der Einnahme von Gharjan im Süden der Hauptstadt geben die Rebellen die Eroberung von Sawijah im Westen und Sliten im Osten bekannt. 20.: Die Rebellen melden die vollständige Einnahme des östlichen Ölhafens Brega, müssen sich später aber wieder in Randbereiche des Ortes zurückziehen. 21.: Die Aufständischen rücken in Tripolis ein und bringen weite Teil der Hauptstadt unter ihre Kontrolle. Der Machthaber gibt sich in Audiobotschaften weiter kämpferisch. 22.: Die Kämpfe konzentrieren sich auf das Viertel um Gaddafis Residenz, in der sich der 69-Jährige aufhalten soll. 23.: Saif al-Islam, der nach Angaben der Rebellen festgenommen wurde, taucht morgens in Tripolis auf und fährt mit einem bewaffneten Konvoi durch Tripolis. Am Abend melden die Rebellen, sie hätten Gaddafis Residenz erobert. 24.: Gaddafi meldet sich mit Audiobotschaften zu Wort und behauptet, er sei noch in Tripolis. 25.: Die Kämpfe dauern an. Die Rebellen setzen ein Kopfgeld auf Gaddafi aus. 26.: Die Rebellen rücken auf Gaddafis Heimatstadt Sirte vor. Amnesty International berichtet von Folter auf beiden Seiten, Gaddafi-Anhänger sollen merh als 100 Gefangene getötet haben. 27. Die Rebellen melden, dass sie Tripolis komplett eingenommen haben.
Quelle: AFP
Wenige Meter weiter steht das Haus von Nessaui Abdel Hafid. „Die Nummer fünf im Regime“, erklärt einer der Rebellen, die plötzlich auftauchen. Die Räume der Villa sind riesig, möbliert mit pompösen Sofagarnituren für mehr als 30 Leute. Der weiße, goldumrandete Esstisch misst 20 Quadratmeter. An der Wand schwere, geschliffene Spiegel, an der Decke wuchtige Kristallleuchter. Im Wohnzimmer steht ein Fernseher mit einem Bildschirm von zwei Meter Durchmesser – zerschossen. Rebellen haben im Zorn über diese Verschwendungssucht wohl ihre Kalaschnikows darauf abgefeuert. In einem anderen der mondänen Häuser brennt noch Licht und Essen steht auf den Tisch. Als sei man in aller Eile davon, als die Rebellen heranrückten.
In der gleichen Gegend wohnte Abdullah al-Sanussi, der Geheimdienstchef Libyens. Von seiner Villa ist nicht mehr viel übrig. Nach einem Angriff von Nato-Flugzeugen ist das Haus völlig zerstört und ausgebrannt. „Hier hat es mindestens zehn Mal geknallt“, erinnert sich Omar Mahsud. Sein Nachbar ergänzt: „Genau zählen konnte ich wirklich nicht bei dem Höllenlärm.“
Man habe nicht nur das Haus von Sanussi getroffen, sondern auch die daran anschließende Schule, meint der Ölingenieur der libyschen Firma Akakus. „Das ist ein ziviles Wohngebiet. Hier kann man doch nicht einfach bombardieren. Unser Haus ist auch nur noch eine Ruine nach den Luftangriffen.“ Geschlafen habe der 55-Jährige keine Minute, sagt er. „Wir müssen unser Eigentum beschützen, denn hier wird sehr viel geplündert.“ Der Geheimdienstchef sei längst verschwunden und man wisse von ihm genauso wenig wie von Gaddafi, wo er sei.
Wo ist Gaddafi?
Ein Rätsel, das die ganze Welt beschäftigt. Lange wurde vermutet, Gaddafi könne eigentlich nur zu einem seiner letzten Verbündeten ins Exil gehen: nach Südafrika. Doch Präsident Jacob Zuma, der zwar den Übergangsrat nicht anerkennt und den Nato-Einsatz scharf kritisiert hat, hat erklärt, Gaddafi nicht in seinem Land aufnehmen zu wollen, auch wenn er ihm – wie auch viele andere afrikanische Führer – fast freundschaftlich verbunden war.
Eine weitere Vermutung ist, dass Gaddafi in der Küstenstadt Sirte untergetaucht ist, einer der letzten Hochburgen des alten Regimes, auf die die Nato inzwischen ihre Angriffe konzentriert hat. Der Übergangsrat setzt indes auf Diplomatie. „Es gibt intensive Gespräche und Verhandlungen mit den regionalen Führern in Sirte“, sagte Rebellen-Sprecher Mahmud Schammam. Die Aufständischen könnten den Geburtsort Gaddafis militärisch einnehmen, wollten jedoch lieber friedlich vorgehen. Am Aufbau des Landes sollen schließlich alle mitwirken – auch die Bewohner von Sirte.
Dritte Variante: Gaddafi ist nach Algerien geflüchtet. Ein Konvoi von sechs gepanzerten Mercedes-Limousinen, den die Rebellen vergeblich versucht haben aufzuhalten, hat von Libyen aus die Grenzstadt Ghadames auf dem Weg nach Algerien durchquert. Die Fahrzeugkolonne sei von Gaddafi-treuen Soldaten bis zum Übergang in das Nachbarland eskortiert worden, hieß es. Die Aufständischen hätten den Konvoi wegen mangelnder Munition und Ausrüstung nicht stoppen können.
„Wir denken, sie (die Wagen) transportierten hochrangige libysche Offizielle, vielleicht Gaddafi und seine Söhne“, sagte ein Kommandeur der Rebellen der ägyptischen Nachrichtenagentur Mena.
Wie auch immer: Es wird gefeiert – und nach vorne geschaut. Mohammed Asis, Manager einer Ölraffinerie in Sawijah bei Tripolis, ist guter Dinge: „Am Montag wird die Raffinerie ihre Produktion wieder aufnehmen und so die Benzinknappheit in der Hauptstadt lindern helfen.“ Für 20 Liter Benzin müssen derzeit 100 Dollar (69 Euro) bezahlt werden, das ist das 28-Fache des Preises vor Beginn des Aufstands gegen den 69-jährigen Diktator vor einem halben Jahr.
Der Neubeginn wird nicht leicht. Aber alle wollen ihn, und im Moment kennt die Euphorie keine Grenzen.
Kategorie: Meine Artikel | Hinzugefügt von: Figulin (27.08.2011) W
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